"Der Lebensbegriff bei Meister Eckhart und Husserl"

PD Dr. phil. habil. Martina Roesner, Privatdoz. MA
FWF-Einzelprojekt P 31358; bewilligt am 07.05.2018

Der Begriff des „Lebens“ durchzieht auf vielfältige Weise die gegenwärtigen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten, ohne dass jedoch immer klar wäre, was genau damit gemeint ist. Während die modernen Life Sciences „Leben“ vornehmlich als eine empirisch-biologische Tatsache verstehen, konzentriert sich die Aufmerksamkeit im Bereich der Philosophie und Theologie vornehmlich auf das menschliche Leben und die damit zusammenhängenden ethischen Fragen. Daneben gibt es im Bereich der zeitgenössischen Phänomenologie auch noch das Bestreben, das „Leben“ in einer fast mystischen Weise zu verstehen, nämlich als etwas, das allen begrifflichen Unterschieden vorausgeht und nicht mehr in wissenschaftlicher Weise „erkannt“, sondern nur unmittelbar „erfahren“ werden kann.
Das vorliegende Forschungsvorhaben will die Bedeutung des Lebensbegriffs im Denken Meister Eckharts und Edmund Husserls untersuchen, um nachzuweisen, dass der Terminus „Leben“ bei ihnen nichts Irrationales bezeichnet, sondern eine durchaus differenzierte Bedeutung besitzt. So wird der biologische Aspekt von ihnen ebenso berücksichtigt wie die Frage nach der spezifisch menschlichen, ethisch geprägten „Lebensform“ und nach dem „Bewusstseinsleben“ im absoluten Sinne. Die Leithypothese des Projekts lautet dahingehend, dass diese Bedeutungsvielfalt des Lebensbegriffs bei Eckhart und Husserl aus ihrer Rezeption der aristotelischen Philosophie stammt und dass Husserls Ansatz auch durch seine Lektüre von Meister Eckharts Schriften beeinflusst ist. Der innovative Ansatz des Forschungsprojekts besteht darin, dass es die Thematik des „Lebens“ nicht auf eine Bedeutung (biologisch, ethisch, spekulativ etc.) reduzieren, sondern die verschiedenen Aspekte in ihrer inneren Zusammengehörigkeit betrachten will. Dabei soll insbesondere der weit verbreiteten Auffassung vorgebeugt werden, dass „Leben“ und „Erkenntnis“ einen unüberwindlichen Gegensatz bilden. Eckharts und Husserls philosophische Ansätze beruhen demgegenüber auf der Einsicht, dass menschliches Leben in der Welt immer schon in einer Weise strukturiert ist, die auf mögliche wissenschaftliche Erkenntnis hindeutet, ohne in ihr aufzugehen. Das Projekt stellt sich daher nicht nur die Aufgabe, die philosophiegeschichtliche Entwicklung des Lebensbegriffs zu beleuchten, sondern will auch einen Beitrag dazu leisten, den gegenwärtigen Dialog zwischen den empirischen Lebenswissenschaften und den Geisteswissenschaften auf eine neue Grundlage zu stellen.