Bibelexegese in Spätantike und Mittelalter

Verduner Altar / Arche Noah, Klosterneuburg

Verduner Altar / Arche Noah, Klosterneuburg

Bibelexegese in Spätantike und Mittelalter

Ein weiteres Themenfeld der Forschungskonzentration "Theologische Mediävistik" befaßt sich mit der Bibelauslegung in Patristik und Mittelalter. Die Bedeutung der "alten" Exegese wurde auch in der Theologiegeschichte lange verkannt, doch in jüngster Zeit begann man vereinzelt auch in den Bibelwissenschaften, sich der Hermeneutik der kanonischen Auslegung und den Anliegen des geistlichen Schriftsinnes gegenüber aufgeschlossener zu zeigen.

Die Forschungskonzentration möchte diese Diskussion aufgreifen und unterstützen. Dabei wird zunächst ein historisches Interesse verfolgt, nämlich allein die Fülle der weithin noch ungedruckten Überlieferung mittelalterlicher Schriftkommentare zu eruieren und zu dokumentieren. Es soll damit ein exakteres Bild der theologischen Landschaften im Mittelalter und ein besseres Verständnis vom Umfang, Praxis und Reichweite mittelalterlicher Schriftauslegung gewonnen werden.

Daneben soll aber insbesondere auch die Methode und Hermeneutik der patristischen bzw. mittelalterlichen Schriftauslegung studiert und mit der Gegenwartstheologie ins Gespräch gebracht werden.

Im Bereich der strikt mittelalterlichen Schriftauslegung verfolgt Thomas Prügl die Auslegung des Buches Ijob, vor allem in dem Zeitraum vom 12. bis zum 14. Jahrhundert. In diesem Rahmen ist eine Darstellung der Geschichte des Ijob im Mittelalter, sowie (Teil-) Editionen von Ijob-Kommentaren aus dem 13. Jahrhundert in Planung. Die historische Aufarbeitung der Ijob-Kommentierung soll aber auch einem breiteren Publikum nahegebracht werden. Zu diesem Zweck sind Übersetzungen ausgewählter Texte sowohl ins Deutsche als auch in Englische geplant. In diesem Ansinnen sind bereits Kontakte zur "Society for the Study of the Bible in the Middle Ages" geknüpft, die vor kurzem in den USA gegründet wurde und die Anthologien mittelalterlicher Kommentare zu bestimmten biblischen Büchern in der sog. "Eerdmans History of Exegesis Series" veröffentlicht.

Im Bereich der spätmittelalterlichen Schriftauslegung erforscht Martina Roesner die besondere Stellung von Meister Eckharts lateinischen Bibelkommentaren im scholastischen Denken seiner Zeit. Eckharts exegetische Werke stellen keineswegs nur Auslegungen des biblischen Textes dar, sondern sind vielmehr der Ort, an dem er seine systematischen, philosophisch-theologischen Grundthesen darlegt. Darüber hinaus ist Eckhart bestrebt, die von ihm verwendeten hermeneutischen Methoden nicht von außen an die Hl. Schrift heranzutragen, sondern sie aus dem Bibeltext selbst zu erschließen. Auf diese Weise erscheint die Hl. Schrift nicht nur als ein Glaubensdokument, sondern zugleich auch als wissenschaftliche Prinzipienlehre, die man mittels der natürlichen, philosophischen Vernunft auslegen kann. Dieser Ansatz soll auf das ihm zugrunde liegende Verständnis von Textualität, Sprache, Vernunft und Offenbarung hin untersucht werden, vor allem in Bezug auf die von Eckhart praktizierte Depotenzierung des Unterschiedes von biblischem „Originaltext“ und lateinischer bzw. volkssprachlicher „Übersetzung“.